Frank Raendchen sucht nach dem Inneren von Kopfsteinen. Blöcke aus Steinbrüchen können makellos ausgesucht werden, aber jeder der schon Jahrtausende vom Berg getrennten, weitgereisten Findlinge aus der Eutiner Umgebung des Künstlers ist auch bei äußerer Ähnlichkeit der Verwitterungsschicht ein spezieller Einzelkörper. Um dessen Struktur zu erforschen, hat Frank Raendchen einen Findling mit einem Magnetresonanztomographen untersuchen lassen. Obwohl dabei nur lebende Materie abgebildet wird, erbringt das Verfahren überraschender- weise auch bei diesem mineralischen Material Bilder. Denn der scheinbar so feste Findling hat feinste Risse und Hohlräume, in die Wasser und auch Bakterien eindringen. Dies ist das Geheimnis, was eine mathematisch exakte Spaltung solcher Steine so schwierig macht, dass trationelle Steinmetze sie für unmöglich halten. Frank Raendchen beherrscht jedoch das problematische Material und dessen Formvorgaben. Er definiert über die vielgestaltige Außenform seine eigene, streng geometrische Teilung. Hat er die asymetrisch gewichtete Mitte ausgemacht, keilt, bohrt und sägt er sich zum Kern des Steins und öffnet ihn dem Licht. Auch modernste Wasserstrahl- schneidtechnik setzt er ein - mit durchaus anderen Ergebnissen als der genormten Industrieform. Durch den Künstler rational überformt findet die Materie aus der Zufallsgestalt zum Objekt, das unsere Wahrnehmung reizt. Doch nicht immer kann der Künstler gleich einen tonnenschweren Stein zerteilen. So dienen ihm als Modelle andere, im Umland vorfindbare Naturformen: Seine Entwürfe schneidet er in Kartoffeln. Hajo Schiff in taz- Hamburg, 1997 |
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Ad fontes - Hermann Römermann, Geologe, Krefeld, August 2002 „Ich möchte mal den Kölner Dom sehen“ ist der erste Satz, als wir uns im Herbst 1988 in westdeutscher Provinz kennenlernten. Als Ausdruck der Abgeschnittenheit des damals noch in Stralsund Lebenden ist er mir in Erinnerung geblieben. Wir besuchten den Dom zu Köln, fuhren dazu erstmals für ihn in eine Tiefgarage - in Frank Raendchens Umkreis gab es keine wegen des naturgegeben hohen Grundwasserstandes und mangelnder Notwendigkeit. Danach begann ein reger Briefwechsel, die Briefe von ihm ausgestattet mit schwarzen Zeichnungen mit Kugelschreiber und Tusche, die mehr über seine Lebenssituation aussagten, als die langen Brieftexte. Noch vor der Wende verließ er im Frühjahr 1989 die DDR und blieb ein paar Kilometer weiter westlich an der Ostsee. Seine damalige Haupttätigkeit, Grabsteine zu beschriften, versuchte ich zu unterstützen und riet ihm, nach Süddeutschland zu ziehen mit der Begründung, dort sei man frömmer und gebe deswegen mehr Geld für Grabsteine aus. Zu unser aller Glück und Freude an der modernen Kunst hat er diesen Rat nicht befolgt. Fortan war der Austausch überwiegend mündlich, und bei vielen langen Abendgesprächen hatte ich das große Vergnügen, die Entwicklung des Künstlers Frank Raendchen zu beobachten. Im Zusammenhang mit seinem Studium in Kiel entstand eine Serie freier Arbeiten, von denen mir eine sehr plastisch vor Augen steht: die despektierlich so genannte „Speckschwarte“: Das ist eine etwa meterhohe Skulptur aus Anröchter Dolomit, bestehend aus einem dreikantigem Sockel, der die naturgegebene Klüftung des Gesteins auf allen drei Flächen zeigt, wobei jede Fläche unterschiedlich gefärbte Bestege von Kalkspat aufweist; darauf eine grüne Flaumfeder des gleichen massigen Gesteins, eine Leichtigkeit suggerierend, wie man sie von den in Ton gebrannten Tänzerinnendarstellungen aus dem China des 6. nachchristlichen Jahrhundert kennt. Speckschwarte wurde sie genannt, weil die geschwungene Feder nur eine in Andeutungen polierte Seite hat, auf der sich die Sonne zeitweise spiegelt. Arbeiten schlossen sich an, die mal breitere mal engere senkrechte Schlitze trugen. Engere Durchblicke füllte er mit Glas, um verblüffende Lichtbrechungseffekte sichtbar zu machen. Es war wohl kein Zufall, dass er eine der größten dieser Plastiken (2,2 m hoch) „die Quelle“ nannte; sie steht weiterhin als Leihgabe des Künstlers in Klieve, dem Nachbarort von Anröchte. Konsequent war Frank Raendchens nächster Schritt: er sägte die Gesteine komplett senkrecht durch und füllte den Zwischenraum mit Glas. Es entstand eine Reihe von Stelen, deren Reiz darin besteht, die schon genannten Lichtbrechungseffekte raumgreifend entstehen zu lassen. Und dann kam ein denkwürdiger Abend - vielleicht gab es zuvor sogar ein Kartoffelgericht - : der Schwenk von den vertikalen Schlitzen zu der Erkenntnis, dass es auch andere Richtungen gibt. Damit war das Spektrum zu bearbeitender Gesteine nach Art und Form gewaltig erweitert. Darunter waren auch die kartoffel- oder knödelförmigen Findlinge, die man sägen und spalten, ihnen seinen Willen aufzwingen bzw. freilegen kann, was in ihnen steckt. Findlinge sind jene gerundeten und durch das Eis geschliffenen Gesteinsbrocken aus Skandinavien sowie unterwegs vom Eis aufgenommenen Hartgesteine, die während der Eiszeiten bis zu ihrem jetzigen Fundort transportiert worden sind. Der am weitesten im Südwesten liegende Fundort nordischer Findlinge ist passenderweise der Ort jenes Abends: Krefeld im Rheinland. Seit diesem Abend ging es in den gemeinsamen Gesprächen nicht mehr um profane Dinge der Tagesbewältigung, sondern um so Konkretes wie die Eigenschaften der skandinavischen Urgesteine, als da sind: - Härte - Sprödigkeit - Zähigkeit - Körnung - Klüftung - Spaltbarkeit in Abhängigkeit von der Richtung - Rauhigkeit der Spaltflächen - Verwitterungsbeständigkeit Frank Raendchen interessierte nur am Rande die mineralogische Zusammensetzung und das Alter der Gesteine; auch die Farbe im bearbeiteten und angewitterten Zustand war letztlich belanglos. Zusammengefasst ging es im Blick auf die künstlerische Verwertbarkeit um äußere Form, Bearbeitbarkeit und Dauerhaftigkeit. Die äußere Form der Findlinge ruft naturgemäß einige Assoziationen auf: Kugel, Knödel, Kartoffel. Die Kugelform ist die Ausnahme; ein Knödel, egal ob thüringisch oder böhmisch, hält nicht sehr lange seine Form, also landete er bei der Kartoffel als Idealmaterie zur Produktion seiner temporären Findlingsmaquetten. Mit dem Messer an der Kartoffel ließ sich die gewünschte Aufspaltung vorahnen - natürlich sehr theoretisch. Jetzt musste nur noch das so sehr heterogene Gestein mitspielen, und das tat es. Kaum ein anderer hat Frank Raendchens genauen Blick dafür, wie sich ein Findling - meist sind es Granite oder Gneise - in welche Richtung und in welchem Abstand spalten lässt. Fortan ging es ihm um das Suchen nach der Seele des Steins. Das meint hier die Auslotung des Zentrums eines vom Eis selbst und von anderen im Eis mitgeführten Gesteinsbrocken geschundenen und letztlich geschliffenen erratischen Blockes skandinavischen Gesteines mittels mehrfacher Spaltung und gezielter Aussparung, bis das harmonisch-optische Zentrum sichtbar wird - und nicht etwa nur der physikalische Schwerpunkt. Ob nun das knarzend-knirschende Geräusch des Gesteinszerreißens, wie er es auf Videomitschnitten dokumentiert, tatsächlich die Seelenpein des so zerkleinerten Knödels wiedergibt, möge offen bleiben. Tatsache ist, dass Frank Raendchen - unabhängig von Geologen und Bodenkundlern, auch lange vor diesen - nachgewiesen hat, dass bis in die Tiefe dieser Steine Leben herrscht. Dazu dienten ihm Untersuchungen mit dem Magnet-Resonanz-Tomographen. Heute wissen wir, dass feinste Pilzfäden mit einem Durchmesser von weniger als einem Zehntel unserer Haare diese Gesteine durchziehen mit der Fähigkeit, den Pflanzen in Symbiose wertvolle Spurenelemente aus der Verwitterung der betroffenen Gesteine zuzuführen. Im Innern der Steine herrscht also tatsächlich Leben. Ab Mitte der 90er Jahre überraschte er mit einem neuen Bild der alten Knödel: er hatte sie horizontal mehrfach zersägt und den Zwischenraum wiederum mit Glas gefüllt. Die massig-schweren Steine begannen im Licht zu schweben und zu schwimmen. Für mich schwammen plötzlich altkristalline Kontinente zu neuen Ufern - Alfred Wegeners Kontinentaldrift in moderner Sprache. Da war es für ihn nur folgerichtig, auch Backsteine zu zersägen und mit Glas das Verschnittdefizit auszugleichen. Seither tanzen auch die Ziegel im Sonnenlicht. Ad fontes habe ich diesen Beitrag überschrieben, d.h. zu den Quellen, also dahin, wo Reinheit und Klarheit am höchsten sind. Gemeint war mit diesem Aufruf in der Antike die bis in das 20. Jahrhundert vergebliche Suche nach den Nilquellen. Der Nil taucht übrigens auch in der Biographie von Frank Raendchern auf: In Kairo hat er bereits ausgestellt und in Assuan hat er mit ägyptischen Steinmetzen zusammengearbeitet und diese traditionsreichen Handwerker mit mitteleuropäischen Techniken des Steinspaltens überrascht. Doch vor allem sehe ich bei diesem Künstler im übertragenen Sinne einen konsequenten Weg zur reinen Quelle: Nach der Düsternis früherer Zeichnungen drückt er in seinen jüngsten Arbeiten Klarheit aus und die Stein-Glas-Kombinationen, die er durch transparentes Strahlen zum Schweben bringt, zeigen Licht und Leichtigkeit. Manchmal lässt Frank anklingen, dass Kunst absolut entbehrlich ist für den, der seine persönliche Erfüllung im Fitnessstudio findet. Seine Arbeiten sprechen andere Leute an, und er holt die Menschen auch nicht da ab, wo sie gerade stehen (oder schlafen). Er gibt uns vielmehr die Chance, uns selbst zum Nachdenken zu zwingen. Damit gehört er nun wirklich nicht zu denen, die die Spaßgesellschaft bereichern wollen. Gerade deswegen macht die Beschäftigung mit seinen Arbeiten so viel Spaß.
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Thingsted. Drei
Annäherungen an ein Werk.
© Hajo Schiff, Hamburg,
2002
* Arbeit in Stein will immer Ewigkeit. Doch
Bedeutungen halten nicht so lange. Einen Kreis aus Stein versteht jeder.
Was aber geschah in diesem Kreis? Wer wollte wozu diesen symbolischen Ort?
Es gibt scheinbar uralte Findlingssetzungen, die als ein Werk des 19.
Jahrhunderts erkannt wurden. Steine in ihrem würdevollen Alter verraten
nicht, wer sie zu symbolischen Formen gesetzt hat. Künstler, patriotische
Schwärmer, Wikinger, Steinzeitpriester. Bearbeitet muss der Stein werden.
So wird Absicht und Zeitlichkeit erkennbar. Doch jedem Stein ist die
Megalithkultur eingeschrieben. Unsichtbar, aber in kollektiver Erinnerung.
Cromlechs und Menhire, Dolmen und Nuraghen; Carnac, Avebury und
Stonehenge. Die Landschaft trägt die Geschichte. Der Stein trägt die
Mythen. Er sagt uns, wir stammen von einem Geschlecht von Riesen. Die
Romantiker lasen Steinsetzungen als Attribute einer heroischen Landschaft.
Wer setzte diesen Kommentar? Der Bildhauer als Landschaftsgärtner. Mit den
Mitteln der Natur selbst diese formen. Wie poetisch. Welche machtvolle
Geste menschlicher Vernunft: Die von der Natur rundlich bearbeiteten und
selbst mit Urgewalten transportierten Steine nach menschlichen, oft gar
himmlischen Kriterien ordnen und der Natur wiedergeben. Und dabei nicht zu
explizit werden. Nicht wie in China Gelehrtensteine aufstellen und sie mit
einer Kalligraphie versehen. Nicht nur die Landschaft kommentieren –
eingreifen, gestalten, ordnen. Das Material der Natur nehmen. Sie mit
ihrem Material selbst zur schöneren Landschaft machen. Der eignen Suche
und der Ziellosigkeit auch des rollenden Steines ein Ende machen. Neu
sehen, anders sehen. Im Objekt das Produkt erahnen. Nicht suchen, finden.
Findlinge. Das gut finden, was die anderen nicht brauchen wollen. Ein Gut
finden. Den Wert des Gefundenen erkennen. Und ihm im Arbeitsdialog zu
einem Ziel seiner Reise verhelfen. Nicht zu stark das Gefundene verändern.
Doch dem alten, in seiner zeitlosen Weisheit schon beliebig gewordenen
Material neuen Sinn geben. Zu Bedeutung formen, gegen die Zeit, im Sinne
des Menschen. Das ist Arbeit. Ein knapp gewordenes Gut. Da guckt man gerne
zu. Frank Raendchen spaltet Stein auch als Performance. Dann brüllt der
Bohrer und der Stein schreit beim Bersten. Die Kartoffel sagt weniger. Sie
schmatzt manchmal leise beim Zerschneiden. Sie zerstiebt nicht staubend,
sie feuchtet, sie weint. Sie ist nie mit irgend einer anderen ganz gleich,
ein gutes Modell für die aus der Ferne kommenden Steine, die mit ihr den
Acker teilen. Selbst einst fremd hier, hat die von Westen gekommene
Kartoffel Sinn für andere, ältere Einwanderer aus dem hohen Norden. Frank
Raendchen findet Kartoffeln und Steine, die gefunden werden wollen und
lauscht ihnen manchmal einen Sound, fast immer aber neue Überformung ab.
Nur selten vergreift er sich am gewachsenen Stein, holt ihn mit Macht aus
seinem Berg. Dann bleibt meist das Mittel der Bearbeitung die Säge. In
Ägypten aber bearbeitete er 40 Tonnen Granit. Ganz im Süden, da wo schon
die Pharaonen arbeiten ließen: in Assuan. So ein Stein kommt nicht von
selbst zu Besuch, wie die schwedischen Felsen in Norddeutschland. So ein
Stein muss ertragen und besiegt werden. In aller seiner rotglühenden,
granitenen Macht und der blutig-großen Geschichte, die er schon gesehen
hat. Und doch hat Frank Raendchen es gewagt, diesem aus Stein geborenen
Land noch mehr Steine zuzutragen. Er brachte norddeutsche Findlinge nach
Kairo. Nicht als Ganze lagen sie im Museum, aber wie noch mit ihrem Rest
im Untergrund verborgen, wuchsen die Findlingskappen aus dem Galerieboden.
Definiert mit Brüchen, angelehnt an die arabische Form der Mafruka.
Gezeichnet mit nicht zu entfernenden Markierungen der ägyptischen
Zollkontrolle. Den weitgereisten Steinen noch eine Reise zumuten. Nicht
geschoben vom Eis, sondern zu Schiff getragen vom Wasser. Von Skandinavien
über Ostholstein nach Ägypten. Und zurück. Sehr wohl älter als die
Pyramiden im Material. Und doch verschwistert mit denjenigen Findlingen,
die der neolithische Mensch auch hier im Norden zu Großsteingräbern
schichtete, als die Pharaonen ihre Grabkammern bauten. Stein kann einen
Hauch von Ewigkeit geben. Und so soll Stein ewig von denen künden, die ihn
bearbeiteten. Doch meist kann er diese wieder vergessen und bleibt nur
noch er selbst. Stein eben, der über seine schöne Schwester lacht: das
Glas. Aus minderem Sand ist es zur Klarheit geläutert. Doch der Stein geht
weise und etwas herablassend mit dem Glase um. Er weiß, auf Dauer wird es
wieder zermahlen, muss zurückkehren zur Erde und nach allem strahlenden
Glanz wieder klein und schmutzig werden. Doch er, der Stein, wird
überleben. Vielleicht mit ein paar Schrunden mehr. Und wenn es schlimm
kommt, gespalten. Doch nichts nimmt ihm wirklich die Würde. Nicht einmal
die Erzählungen, die ganz ungeheuerlichen Geschichten von Göttern und
Riesen, die in nur einer Nacht gewaltiges mit ihnen angestellt haben
sollen. So etwas erzählen sich diese schwachen zweibeinigen Wesen im
Trunke am Feuer. Und selbst der Beschluss an der Thingstätte, aus den
Steinen der Ebene ein großes Mal in Schiffsform auf der Anhöhe zu
errichten, kann stark sie nicht stören. Wir stammen von einem Geschlecht
von allmächtigen Riesen, hören wir mit Stolz die Steine uns raunen. Doch
die machen sich nur einen Spaß. Man wird sich einige Jahrtausende in den
Dienst nehmen lassen müssen, denkt der Stein. Doch die Art diese Dienstes
werden die Menschen ihnen nicht einprägen können. Die Bemalung wäscht der
Regen ab, die eingemeißelten Schriften tilgt auf Dauer der Wind. Alles ist
auf ewig gut, wenn nicht diese grässlichen Sägen kommen. Sie und der
Spaltmeißel schaffen neue Tatsachen. Das ist der Triumph des modernen
Menschen. Doch er zahlt den Preis der Verkleinerung des Steins. Und das
ist der Kern zukünftiger Zerstörung. Neue Steine werden entstehen. Kleiner
zwar, aber wieder ganz bei sich. Und nur ganz am Rande bleibt ihnen die
Erinnerung, einst das Licht gesehen zu haben, ja es anderen auf besondere
Weise gezeigt zu haben. Kunst mit Stein beansprucht immer Ewigkeit. Doch
auch sie ist vergänglich. Für einen gewissen Zeitraum erweckt Kunst die
Energie, die in den toten Dingen liegt. Der Stein wird leicht. Er scheint
zu schweben. Er dient dem Sonnenkult, bestimmt im Zusammentreffen von
fester Härte und leichtem Licht die Zeit. Erinnert sich an eine Zeit, sehr
lang zurück, wo er selbst heißglühend leuchtete. Doch er erstarrte zu
Stein. Und begann trotzdem eine lange Wanderung. Und traf Frank Raendchen.
Alles fließt. Ja, auch der Stein. Man müsste nur mehr Zeit zum Gucken
haben. >>Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis<< . Kunst zieht
uns hinan.
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| Fels, Form und
neue Gestalt - zur Umformung des Amorphen durch den
Bildhauer Frank Raendchen (Hajo Schiff, 1999) DER STEIN. Stein ist ewig. Erinnerung wird in Stein gehauen, Pyramiden werden aufgetürmt. Fels ist fest, der Berg kommt nicht einmal zum Propheten. Und doch, eine Ausnahme: Steine in felsloser Gegend, rundliche Brocken rätselhaft in sanfter Landschaft: Die erratischen Findelkinder ferner Gebirge. Seit je eine Provokation für die Menschen der Ebene: Die Geschichte ihrer langen und formgebenden Reise war Geheimnis, vom Himmel schienen Findlinge gefallen. Wie sonst wären sie gereist, Tausende von Kilometern fern vom heimatlichen Muttergestein? Zufällig verteilt und anscheinend voraussetzungslos einfach nur da, sind Findlinge ein Schlagbild existentieller Selbstfindung des menschlichen Individuums, wie der Philosoph Peter Sloterdijk bemerkt. So etwas ködert auch Künstler und Architekten. Solches Fundmaterial muß geordnet werden: zum Steinkreis, zum Großgrab oder zum Fundament des Hauses. Ganz oder nach ordentlichen Proportionen gespalten. Die Forschung nach präzisen Strukturen bestätigt: Jeder Findling ist ein Individuum mit anderen Adern und anderem Herzen. Doch eingebunden werden sie nun in eine neue Gruppierung. ZUSAMMENTREFFEN. Durch Wanderung und Innenleben biologischer als vermutet, treffen Findlinge auf eine verwandte Form: Die Kartoffel. Der Erde entrissen wie der Findling dem Gebirge. Auch sie von fernsten Fernen eingewandert in die Ebenen, eine starke Gestalt aus Stärke. In der Kunstgalerie so fremd, wie der Fels in Norddeutschland. Träfen sie im Feld aufeinander, die bäuerliche Kultur und die Bruchstücke roher Natur, der Pflug würde am Findling zerbrechen. Der Künstler betrachtet beide gemeinsam: Durch Urkräfte geschliffenen Stein und durch Fruchtbarkeit gewordene Knolle. Die Vielfalt ihrer Erscheinung, dem Bildhauer steinerner als dem Hungrigen, ruft nach ordnender Formung. Häufung und Schüttung geben das Modell von Setzung und Gruppierung, die weitgereiste Knolle repräsentiert den verirrten Findling, das Messer wird zur leichteren Version des Spaltkeils. ERDE UND FORM. Fremden Findling und fruchtbare Ernte geduldig ertragend, bildet dienstbare Erde auch Behausungen und Dome: Zusammengebrannt zum Backstein, typisch für den wenig steinreichen Norden. Massenhaft Material für die Kunst, doch einzeln? Wieder öffnet der Künstler den Blick ins Zentrum schwer trennbaren Stoffes, formt hier nicht im Plural, sondern aus dem gefundenen, historischen Stück. Fenster zum Stein, Licht im Ziegel, Primat der ordnenden Form über Natur und Kultur, Geschichte und Zivilisation. |
| Invisible Images (Hajo Schiff, Hamburg im März 2000) Feldsteine ins steinreiche Ägypten zu verschiffen und sanfte Töne im niemals ruhigen Kairo zu installieren: Die beiden norddeutschen Künstler Frank Raendchen und Andreas Oldörp scheinen mit viel Aufwand Eulen nach Athen zu tragen. Doch solche Sicht träfe nicht den Kern dieser Gemeinschaftsarbeit. Sie illustrieren mit ihrer Kunst nicht, sondern evozieren Vorstellungen. Dennoch bleibt von Interesse, welche Beziehungen die beiden Künstler zum Nilland aufgebaut haben. Kontakt zu Ägypten bekam Frank Raendchen durch das Granit-Symposion in Assuan. Dort konnte er im selben Steinbruch arbeiten, in dem schon die Kunst der Pharaonen entstand und erstellte mit Respekt vor der Geschichte eine betont schlicht-monumentale Arbeit. Doch für den Bildhauer ist jeder aus dem Berg geholte Stein eigentlich ein neuer, frischer Stein, unbeschwert frei für ganz gegenwärtige Formen. Im Endmoränengebiet Ostholstein hat Frank Raendchen es dagegen mit sehr alten Steinen zu tun, die bereits eine lange, aufreibende Geschichte hinter sich haben, bevor sie in die Hände des Künstlers fallen: Eine Reise im Geröllgeschiebe kaum vorstellbar großer Gletscher, die sie während der Eiszeit vor 25.000 Jahren von Skandinaviens Bergen in die Norddeutsche Tiefebene verschleppten. Solche verschobenen und mehr oder weniger rund geschliffenen Findlinge tauchen wie die ausgesetzten Kinder ferner Berge ab und an als Störenfriede aus dem fruchtbaren Ackerboden auf. Alle diese Steine haben eine gerundete aber sehr eigene Form, und wegen feinster Risse im Inneren sind sie nur schwer in exakte Formen und Muster zu spalten. Doch genau das tut Frank Raendchen. Und die Geometrie dieser Spaltung in ihrem in besonderer Weise ausstrahlenden Quadrat ist zunehmend von der arabisch-ägyptischen Mafruka abgeleitet. Nun sind diese Steine also weiter nach Süden gereist und scheinen aus dem Boden - der Akhnaton-Galleries - in Kairo aufzutauchen. Der Galerienkomplex am Nil ist ein Gebäude aus dem 19. Jahrhundert, in dem mittels eines eingebauten white cube gute Bedingungen für das Sehen von Kunst geschaffen wurden. Jemand, der sich mit dem Hören von Kunst beschäftigt, kann es aber nicht vermeiden, auf das gesamte Raumvolumen einzuwirken. So blickte der Hamburger Klangkünstler Andreas Oldörp vor einem Jahr hinter diese weißen Wände, die die Pracht des ehemaligen Prinzenpalais etwas versachlichten: Dort fanden sich sogar verborgene Erker mit weiter Aussicht über den Nil. In einem "Eingriff in einen Eingriff" werden diese Wände an ausgewählten Stellen nun geöffnet und bieten den Glasröhren zurückgenommene Standorte, an denen die Klänge als die wesentlichere, aber unscheinbarere Veränderung entstehen. Andreas Oldörp künstlerische Interventionen werden immer wesentlich vom jeweiligen Ort ausgehend entwickelt. Dabei setzt er Klang als ein skulpturales Material ein, ein nur scheinbares Paradox für alle, die das akustische Aufbrechen von Räumen durch den Künstler schon einmal erlebt haben. Im Abschreiten des Raumes verändert sich der Blickpunkt und das Hörerlebnis: Klänge schieben sich übereinander und überlagern sich für die Ohren, so wie sich die mathematisch gedachten Perspektivlinien und Blickachsen für die Augen überschneiden. Die Klangkörper und die Stimmung des Klanges beziehen sich aber nicht nur auf den speziellen Raum, sondern stehen auch im Wechselspiel mit den steinplastischen Setzungen von Frank Raendchen. Töne als Grundmaterial der mathematischen Teilwissenschaft Musik strukturieren nach der präzisen Abstimmung Andreas Oldörp eine neue Raumwahrnehmung und treffen auf die Naturkörper, die Frank Raendchen mathematisch präzisen Teilungsvorgaben unterworfen hat. Dahinter mag die ewig unerreichte Annäherung an ein System höherer und schönerer Ordnung stehen, aber gewiß ist auch jedes weniger metaphysische Bild zugelassen, das sich die Besucher selber machen. |
| Rede zur Eröffnung
der Ausstellung Frank Raendchen im Tierpark Neumünster von Jens Rönnau, 26.Juni 2002 Kunst muss nicht unbedingt im Museum stattfinden! Es gibt Kunst im öffentlichen Raum in Form von Plastiken und Skulpturen - kennen wir alle. Aber eine Ausstellung im Tierpark, und dazu auch noch im Affengehege ? Zumindest dürfte das größten Seltenheitswert haben. Nun kann ich Ihnen aus eigener Erfahrung sagen: der Bildhauer Frank Raendchen, dessen Ausstellung wir hier heute eröffnen, liebt das Ungewöhnliche. Nicht einmalig, aber selten ist da zunächst seine Vorliebe für Feldsteine - Findlinge, die schwer zu bearbeiten sind. Aber er hat auch schon mit Kartoffeln gearbeitet - weil deren Formen denen der buckligen Feldsteine so schön ähneln. Und dann erst seine Ausstellungsorte: Mal hat er seine Installationen in einem alten Wasserturm aufgebaut, mal vor den Öffnungen eines Bunkers aus dem 2.Weltkrieg, mal in einer pikfeinen Galerie in Ägypten, dann wieder auf einer Kuhweide im holsteinischen Bissee - und jetzt hier im Tierpark von Neumünster. Meine Damen und Herren, es ist gar nicht so lange her, da war ich als Besucher hier in diesem Tierpark, habe mir die Tiere angesehen, habe gegessen und getrunken, mit meinem kleinen Sohn auf dem Spielplatz gespielt. Eine ganze Menge ist mir aufgefallen während dieses ausgedehnten Besuchs. Aber als Frank Raendchen hierher kam, fielen ihm ganz andere Dinge ins Auge: zum Beispiel, dass dieses Gelände an vielen Stellen liebevoll mit Steinen verziert wurde - mit schweren Feldsteinen. Sie finden sich als Steinsetzungen um Bäume und Teiche, als monolithische Gedenk- oder Erinnerungssteine und natürlich zur Ausgestaltung vieler Tiergehege und Käfige. Dies also sind die Orte, die dem Bildhauer besonders auffielen. Und hier nun setzt seine Arbeit an. Denn das Prinzip des Künstlers ist es, mit den Situationen zu arbeiten, die er vorfindet. Den Landschaftsgarten, der hier angelegt wurde, möchte er mit seinen Arbeiten verstärken. Es ist vielleicht kein Zufall, dass man dabei mit den Materialien arbeitet, welche die schleswig-holsteinische Landschaft so bereithält: Feldsteine in allen Größen. Eben dies aber ist auch das Haupt-Material für Frank Raendchen. Er stammt aus dem Norden des Landes, wurde 1962 in Stralsund geboren, studierte 1989 bis 1996 in der Bildhauerklasse von Jan Koblasa an der Kieler Muthesius-Hochschule. Sich hineinbegeben ist die Technik des Sehens", pflegte der Professor seinen Studenten oft zu sagen. Und Raendchen hat sich nicht nur hineinbegeben in allerlei Materialien, mit denen Bildhauer so arbeiten können. Er hat sich auch hineinbegeben die heimatliche Landschaft. Er lässt sich keinen teuren Carrara-Marmor aus Italien hochtransportieren, keinen schwarzen Diabas aus Skandinavien heranschiffen. Er geht da hin, wo sich die Schnitte in unsere Landschaft befinden: in die Kiesgruben ringsum. Dort findet er seine Findlinge. Dorthin kamen diese vor Millionen von Jahren per Eiszeit-Transport. Die Eisberge schoben sie samt der halben Landschaft hier von Skandinavien heran. Sie schliffen die Felsblöcke rund, gaben ihnen jenes charakteristische Aussehen, das tatsächlich an die Form von Kartoffelknollen erinnert. Ihre Farben changieren von rötlich-braun zu grünlichem Grau und Beige. Der Stein-Finder Frank Raendchen holt sie sozusagen heraus aus dem Herzen dieser Landschaft. Das ist der erste Schritt. Dann nähert er sich dem Stein selbst. Er öffnet ihn mittels bestimmter Spalttechniken, stößt vor zum Herzen des Steins. Meist spaltet er eine der Hälften weiter, löst Mittelstücke heraus. Am Ende setzt er seinen geteilten Stein wieder zusammen. Man kann die Spaltnähte deutlich sehen. Durch das fehlende Mittelstück jedoch kann man direkt in den Stein hineinsehen. Ein wenig erinnert das an die Idee, in das Magma dieser Erde hineinsehen zu wollen. Die gespaltenen Findlinge sind ein Sinnbild dieser Idee. Und glauben Sie
nicht, meine Damen und Herren, das Raendchen sich damit
begnügt: es gibt auch Beispiele, wo er mittels
komplizierter Magnet-Resonanz-Tomographie in das Innere
seiner Steine hineingehorcht hat, mittels angeschlossenem
Computerprogramm das innere Bild von Steinen
aufgezeichnet hat. Wir finden eine dieser Kultsonden" jetzt auch hier im Neumünsteraner Tierpark. Raendchen hat sich einen Ort dafür gesucht, der gestalterisch bereits vorbereitet war: eine Feldsteinsetzung neben einer Birke am Robbengehege. In deren Mitte legte er seine Kultsonde" dazu. Ihr roter Sende- und Empfangsmast" ragt jetzt vier Meter in das Geäst des Baumes hinein, als solle ein Zwiegespräch zwischen dem Reich der Mineralien und dem der Pflanzen dargestellt werden. Sie merken, meine Damen und Herren, dass wir uns jetzt mitten in diese Ausstellung hineinbegeben haben. Aber kehren wir noch einmal zum Eingang zurück und verfolgen die Spuren der Kunst von dort aus. Schon wenn man sich von der Lindenallee nähert, befinden sich auf der Wiese vor dem Kassenhaus drei große Findlinge, bis zu einen Meter fünfzig hoch. Sie bilden eine Dreiergruppe und sind in unterschiedlicher Weise bearbeitet. Einer ist so aufgeteilt und bei fehlendem Mittelstück wieder zusammengesetzt, dass man durch ihn hindurchgucken kann. Der nächste hat ebenfalls ein solches Fenster", jedoch ist es nicht durchgängig, der Blick geht wie in ein geschlossenes Gehäuse. Der dritte Stein ist so abgelegt, dass man durch eine Öffnung von oben hineinsehen kann. Als nächstes finden wir die Steine Frank Raendchens bei den Fischottern wieder. Zwei Arbeiten hat er dort installiert. Ein dreigeteilter Stein mit fehlendem Mittelstück ist auf einem zum Gehege gehörenden Findling befestigt, als sei dem sozusagen noch einer draufgesetzt" worden. Der zweite ist mitten in eine der Baumwurzeln dort hineingestellt. Seine Form erinnert ein wenig an einen Irokesenkopf, denn in diesem Fall hat der Bildhauer nach seinen Spaltvorgängen nicht das Mittelstück der oberen Steinhälfte entfernt, sondern es stehen lassen und stattdessen alle drum herumliegenden Teile entfernt. Wenn wir uns dann
zum Adlergehege begeben, scheinen die Gravitationsgesetze
aufgehoben zu sein. Ein mittelgroßer Findling von
vielleicht 40 Zentimetern Durchmesser hat quasi noch brav
in der Mitte einer landschaftsgärtnerischen
Findlingsgruppierung Platz genommen. Es ist ein Stein, in
dessen Aufbruchstellen man hineinsehen kann und dort im
Inneren eine polierte Fläche entdeckt. Der andere Stein
jedoch, ein weitaus schwergewichtigerer von vielleicht
200 Kilogramm, hat sich in die Lüfte erhoben. Braun-grau
bis rötlich schimmert dieser südschwedische Granit,
gehalten von einer schweren Kette im Baum - ein Spiel mit
Masse und Raum. So eingeführt können wir uns dann in das Affengehege hineinbegeben. Vier Steinarbeiten hat Frank Raendchen hier installiert. Einer hat ein wasserstrahl-geschnittenes Loch, das sich konisch durch den Stein nach außen hin verbreitert. Er liegt auf einem der Feldsteine um den Teich herum. Die anderen drei Steine erheben sich aber wiederum in die Lüfte, baumeln von schweren Ketten gehalten aus den Bäumen - dort, wo vorher einmal Schaukeln für die Affen hingen. Die Affen ließen sich nicht lange bitten, und nahmen ihrer neuen Schaukeln sogleich an. Bald entdeckten sie auch offensichtlich, dass sich die Steine durch die Sonne erwärmen und so einen angenehmen Aufenthaltsplatz abgeben. Den Bildhauer hat es riesig gefreut, dass die Primaten seine Arbeiten sofort angenommen haben. Bleibt nun die Frage, wie wir anderen Primaten seine Arbeiten annehmen, die hier so feinfühlig in das gestaltete Gelände des Neumünsteraner Tierparks eingefügt wurden. Ich wünsche Ihnen jedenfalls viel Vergnügen und viele neue Sichtweisen damit. Denn, wie eingangs gesagt: Kunst muss nicht unbedingt im Museum stattfinden. Sie kann auch außerhalb unseren Horizont erweitern. |